Kuba. Eindrücke aus einer anderen Welt

Nachdenkliches


"Radieschen, sei froh, dass du hier sitzt. In Indien wärst du schon auf dem Strich!" 


Ich sitze gerade noch in der Mittagspause und rege mich innerlich auf.

Ja. Man soll die Dinge nicht schwarzweiß sehen. Und ja, die Medien berichten jetzt täglich von Massenvergewaltigungen in diesem Land, obwohl es die sicher schon immer gab.

Wichtig, dass es gesagt wird. Auch wenn es wie immer die Falschen trifft, wenn man dieses Land nicht besucht. Aber es ist so wichtig, dass es selbst beim Durchschnittsbürger im Ausland ankommt.

Auch ich würde keinen Fuß derzeit  -  und wenn ich es mir genauer überlege -  niemals, in dieses Land setzen.

Natürlich bin ich sicher mehr involviert in dieses Thema als andere Menschen. Wie die meisten von Euch wissen, bin ich adoptiert  -  aus diesem Land.

Ich habe ein riesiges Glück, das mein Leben so ist, wie es ist. Als ungewolltes Mädchen in eine liebevolle gut bürgerliche Familie aufgenommen zu werden. Eine Familie, die einen liebt, als sei man das eigene Kind.

Ich habe eine tolle Erziehung genossen mit allen Möglichkeiten, die gutbürgerliche Kinder hier haben. Von musikalischer Früherziehung, altsprachliches Gymi, irgendwelche Jugendfreizeiten. Auch materiell musste ich auf nichts verzichten.

Mir war und ist das jeden Tag bewusst. Auch wenn meine Französischlehrerin in der 9ten Klasse mir mal den Spruch reingedrückt hat:"Radieschen, sei froh, dass du hier sitzt. In Indien wärst du schon auf dem Strich!"
Das war ein Spruch, der sogar meinen sehr zurückhaltenden Vater dazu bewogen hat, bei ihr persönlich auf der Matte zu stehen.

Soviel zu mir.

Aber nicht alle Mädchen haben die Möglichkeit, woanders aufzuwachsen. In Indien sind Frauen einen Scheißdreck wert. Sie sind nicht gewollt, weil sie ihre Familien in den Ruin treiben. Die Mitgift, die jede indische Frau mit in die Ehe bringt, ist so hoch, dass es die eigene Familie zerstört. Die Familie des Mannes bereichert sich an dem Geld. Viele Ehefrauen werden nach der Eheschließung umgebracht. 

Was dadurch geschieht? Ein mittlerweile riesiger Männerüberschuss in diesem Milliardenland. 
Im Nordwesten Indiens werden Schätzungen zufolge schon 2020 15 bis 20 Prozent der Männer keine Frauen mehr finden.

Der Mix aus diesem ungesunden Männerüberschuss, der kulturellen Einstellung gegenüber der Frau an sich und die tiefe Verankerung dieses Glaubens in der Gesellschaft begünstigen diese Massenvergewaltigungen. Schlimmer noch. Für die Inder ist es wohl eine Rechtfertigung, dass ein Dorfrat zur Strafe eine Massenvergewaltigung beschließen darf. Weil die junge Frau, die eine Liebschaft hatte, die völlig zu unrecht erteilte Strafe nicht monetär bezahlen konnte.

Was muss passieren, dass diese Dinge aufhören? Ein Gesetz schafft nicht zu verhindern, was tief in der Kultur verwurzelt ist. Respekt und Achtung vor dem anderen Geschlecht kann man nicht von einem auf den anderen Tag lernen. Die Grundvoraussetzung ist: Man(n) will es.  

Für mich habe ich beschlossen, eine glaubwürdige Initiative zu finden, die Mädchen in diesem Land fördert und stark macht.
Mein "Ersparnis" aus dem Kirchenaustritt kann ich so tatsächlich für einen Zweck verwenden, an den ich glaube.

So mache ich mich jetzt mal auf die Suche...



 ...neues aus dem leben...teil 1 / der traum

was entwicklung bedeutet? stellt euch den mensch in einer mullbinde vor. die sich jahr für jahr entwickelt. durch neue erkenntnisse, erfahrungen.. der mensch findet immer mehr zu sich und lässt eine schicht nach der anderen fallen. am ende seines lebens steht nackt, rein und verletzlich dort...

so oder so ähnlich formulierte es mal mein philosophielehrer in der schule - nun gut, ein teil ist auch noch selbst dazu erfunden..

lang ists her, dass ich hier ein paar zeilen schrieb - es war kurz nach dem tode meines vaters.

seither ist ein dreiviertel jahr vergangen. die letzten tage lag ich mit fieber und bronchitis in meinem bett - das fieber ist langsam weg, die bronchitis wird besser - und heute abend habe ich das dringende bedürfnis, mir ein paar gedanken von der seele zu schreiben. sicherlich zu viel text, wie einige meinen werden - doch das leben ist halt nicht immer nur in drei oft gehörte worte zu fassen.

tatsächlich war ich lange nicht so krank gewesen. das letzte mal um den 18. juni 2011, kurz nach meinem geburtstag und kurz vor seinem tod. mein vater, selbst apotheker, pflegte mich damals noch und holte medikamente aus der apotheke, die er mir ans bett brachte.

ich erinnere mich, ich lag im bett und hörte seine typischen kleinen schritte den flur entlang, die quietschende zwischentür und das vorsichtige klopfen an meiner. dieser gedanke erfüllt mich mit wärme. und sehnsucht.

und ja, ich habe mir viel zu wenig zeit genommen ihn zu vermissen. ich konnte es nicht und die zeit ließ es nicht zu.

im traum hat er mich mal besucht, es war ein wunderschöner traum:

ich saß in einem dunklen raum, die augen geöffnet, konnte aber nichts erkennen.
eine stimme sagte zu mir "er kommt jetzt!"

ich hörte, wie sich eine tür öffnete und verspürte einen leichten windhauch. er stand vor mir und nahm meine beiden hände. ich konnte ihn nur fühlen. die alten, faltigen warmen händchen von meinem vater, wir hielten sie ineinander. ich konnte ihn aber nicht sehen.
er fragte "mein schätzele, wie geht es dir denn?" ich erzählte ihm, wie es mir ging. und mama. und der familie.

wir haben lange geredet, an was, kann ich mich nicht mehr erinnern.

ich weiss noch, dass er sich von mir verabschiedete und den raum verließ.

ich wachte weinend auf. aber auch glücklich mit dem wahrhaftigen gefühl, ihm begegnet zu sein.



...neues aus dem leben... teil 2 / erwachsen werden

wenn ich über das letzte halbe jahr nachdenke, wird mir klar, warum ich jetzt so flach liege... es gibt genug menschen, die ähnliches erlebt haben und ich will hier gewiss nicht im selbstmitleid suhlen. aber berichten, was mit einem menschen geschieht, ohne dass er es merkt.

die natur hat in schockzuständen den "autopiloten" eingerichtet. der zustand, der menschen übermenschliche kräfte verleiht, andere zu retten wie zum beispiel bei schweren unfällen, selbst zu überleben oder einfach nur zu "machen".

ein halbes jahr später stellt man dann fest, dass man irgendwie in trance gewesen ist. an viele details kann man sich nicht erinnern und es ist auch gut so.

schaltet sich der autopilot langsam ab, schwinden die kräfte. in dieser zeit glaube ich, war ich eine woche auf ibiza - genau der richtige moment um sonne zu tanken.

was ich komplett unterschätzt habe, ist, dass die wirkliche verarbeitung eines solchen ereignisses sehr sehr viel später anfängt.

dann, wenn das umfeld meint, man sei schon längt darüber hinweg.
ein teil davon ist die "familienarbeit", die über das "ich" hinausgeht. ehrlich gesagt - für das "ich" ist eh kein platz geblieben.

es ist eine herkules-aufgabe, sich um einen menschen zu kümmern, der 50 jahre lang nicht mehr allein gelebt hat. der sich nicht traut, alleine mit der sbahn in die stadt zu fahren. dabei die nerven zu behalten und nicht auszurasten.

für jeden, der es früher oder später einmal selbst erlebt oder erlebt hat: es ist ein schmaler grat zwischen dankbarkeit und selbstaufgabe gegenüber des verbliebenen elternteils. umseo wichtiger, den "cut" zu machen und sich zu sagen "mein leben" beginnt hier und jetzt.

die grundlegende voraussetzung: derjenige, der die hilfe beansprucht muss selbst bereit sein, dazuzulernen. mir fehlt oft die bereitschaft meiner mutter, das leben neu anpacken zu wollen. in solchen momenten muss man sich selbst zuwenden ohne schlechtes gewissen!

es war mir vorher klar, dass es irgendwann so kommen würde, wie es jetzt ist. neben den gewöhnlichen anstrengungen des alltags und der noch viel anstrengenderen familiären fürsorge hat der körper nun gerade aus einem floh einen elefanten gemacht und mich zur ruhepause verdonnert. und hätte ich nicht einen so liebevollen partner an meiner seite, der mich in dieser fürsorge mit seiner ganzen verantwortung unterstützt, wäre ich wahrscheinlich noch ganz woanders.

aber: das ist erst einer der kleineren stolpersteine im leben - es wird schon gründe haben, warum wir uns aus "der schützende mullbinde des lebens" erst zum ende vollständig entwickeln. zu einem zeitpunkt, an dem wir endlich verletzbar sein dürfen.


Das Leben kommt wie es kommt. 
Aber es geht nur einmal.

Morgen werde ich nicht am Grab reden. Auch wenn ich es mir vorgenommen hatte und meinen Geschwistern leichtfertig den Vorschlag unterbreitet hatte, dass wir dir zu Ehren etwas Nettes sagen könnten. Geschichten aus unserer Kindheit, die zeigen, was für ein wundervoller Vater du doch warst.

Aber so einen Tag vorher habe ich das Gefühl, ich wäre Morgen lieber unsichtbar. Von niemandem angesprochen zu werden und in Zwiesprache versunken. Mit dir, dem Menschen, der mich mindestens zur Hälfte gemacht hat. Nicht biologisch sondern vom Verstand und vor allem vom Herzen her. Du hast in mir so viele Interessen geweckt, Fähigkeiten gefördert - Deine blühende Phantasie und Ironie hilft mir heute, die Welt nicht ganz so ernst zu nehmen. Ich hoffe, irgendwann werde ich es so beherrschen wie du, aber gut, ich habe ja noch ein paar Jahrzehnte Zeit.

Ich werde nie vergessen, wie wir zusammen im Winterurlaub im Schnee ein Schneeklosett gebaut haben. Ich war ungefähr drei Jahre alt. Es war auf dem Sudelfeld (wie passend) und wir bauten zunächst einen Schneemann. Und dann wollte ich unbedingt ein Schneeklosett. Wir haben es beide so perfekt gebaut, dass ich mir versehentlich in die Hose gemacht habe, als ich mich draufgesetzt habe...

Den festen Glauben an den Nikolaus hast du mir bis zum 10. Lebensjahr erhalten. Du grandioser Schauspieler, schon als Volontär an den Kammerspielen. Ich hatte Angst vor dir, dass meine Knie zitterten, wenn du regelmäßig am 6. Dezember an die Scheibe klopftest und mich aus meinen Träumen gerissen hast. Was für ein Anblick, mit deiner Bischofsmütze, die Dich von 1.68 auf mindestens imposante 1.80 wachsen liess.. und Deinem langen grauen Bart.
Aber es war in erster Linie deine voluminöse verstellte Stimme, die meine Gliedmaßen erzittern liess. Brav betete ich, spielte Klavier und sprach mindestens ein Gedicht auf, um meine Belohnung zu ernten: Das war ein riesiger Sack mit Lebkuchen, Nüssen, Orangen und allem, was Kinder so freute.

Es mag für den modernen Leser von heute komisch, vielleicht auch lächerlich klingen. Ich aber bin froh, dass du mit Mama so lange versucht hast, die wahre Welt da draußen von mir fern zu halten und meine heile Welt zu erhalten.

Du wolltest deine heile Welt ja auch behalten. Ich habe sie nur einmal erschüttert. Am Tag, als ich dir sagte, dass ich keine Anwältin werden würde. Was hattest du nicht alles getan, um mir diesen Beruf schmackhaft zu machen. Du wolltest mich natürlich nur auf die sichere Seite bringen. Trotzdem sahst du in mir Charaktereigenschaften gesehen, die ich nicht hatte und nicht haben wollte. Ich bin keine stoische Lernerin. Ich bin nicht so, dass ich mich zu etwas zwinge um in ein paar Jahrzehnten etwas dafür zu ernten. "Manchmal hat man seine Pflichten im Leben", war dein Gegenargument, wenn ich mal wieder schmeissen wollte.

Pflichten... Darüber dachte ich oft nach. Du warst ein wahrhaft stoischer Mensch mit der optimistischsten Lebenseinstellung, die ich bei keinem Menschen in meinem Leben bisher wieder erlebt habe. Das warst du auch 10 Jahre lang mit deiner Krankheit. Du hast sie einfach weggelächelt und man musste dich schon löchern um zu erfahren, wie es dir wirklich ging... Du hast immer für alle das beste gewollt. und dich selber so zurückgenommen. Aber ich weiss ja gar nicht, ob du nicht doch glücklich warst, auch wenn du zurückgesteckt hast.. du hast das leben nie so ernst genommen. das hat sicher vieles leichter gemacht.. Du hast es so genommen, wie es kam und das beste daraus gemacht.

Nein, So stoisch bin ich nicht. Ich habe irgendwann erkannt, dass man sich zu nichts im Leben zwingen darf. Denn man lebt nur einmal. Ich möchte das machen, was mir Spaß macht. Möchte nichts "ertragen" müssen, sondern rechtzeitig "etwas ändern", wenn ich merke, dass mich etwas unglücklich macht. Das heisst nicht, dass ich nicht geduldig bin. Ich bin geduldig - nur nicht um jeden Preis. Ich weiss, dass die Welt da draussen nicht gut ist, aber ich möchte mir meine heile Welt erschaffen, die das Leben schöner macht.

Ich werde das noch lernen müssen. Vieles nicht so ernst zu nehmen. Und es akzeptieren zu müssen, dass das Leben kommt wie es kommt. Und einmal auch geht.



Du erfülltest unser Leben mit Liebe
und lehrtest uns, es mit Freude zu sehen.
Jeder Moment mit Dir war ein Geschenk.




Weg vom Fenster

heute mal wieder ein etwas nachdenklicher eintrag.

schon lange kam ich nicht mehr dazu, zu berichten. und eigentlich gibt es auch gerade gar nichts zu sagen, denn ich liege hier zu hause in meinem bett, habe glück im unglück gehabt und halte meinen lädierten rechten fuss hoch. also es passiert nichts, außer, dass ich zeit zum nachdenken habe. seltsam, noch vor vier tagen habe ich auf dem laufband sinniert, dass doch alles im leben gerade schön ist und das wichtigste ist, dass wir gesund bleiben. und hab das tempo gleich nochmal höher gestellt und war zufrieden, als ich verschwitzt nach hause kam...

zack. am nächsten tag war es dann passiert.



da hatte ich mir den fuss umgeknickt, war voll auf die fresse geflogen, metallkamm und spiegel in meiner tasche zerbrochen. leute wollten mir aufhelfen und mich ins krankenhaus bringen. doch da natürlich mal wieder typisch ich: zähne zusammenbeißen. das geht schon. aber es ging nicht. keinen schritt mehr am nächsten tag. also orthopäde, dann nach hause und seitdem unfähig was zu tun. rumhumpeln, teppiche zur seite schieben wegen rutschgefahr, sich logistisch einen plan machen wie ich mit wenigen wegen möglichst viel erledige. um mich herum steht der fernseher, mein nachttisch steht voll mit allem was ich spontan brauchen könnte.

langeweile. und einsamkeit. ich will nicht allein sein. aber ich muss wohl.

mir wird klar, unser rasanter alltag ist dazu gemacht, dass nur der was vom leben mitkriegt, der auch gesund ist. der stärkere überlebt. wiesnbilder ziehen bei facebook an mir vorbei, ein neid, den ich an mir gar nicht kenne, wächst in mir.
ich will auch dabei sein. hab' mich das ganze jahr so drauf gefreut. das erste mal mit der agentur zu gehen. die taumelnde freude und den frieden zu erleben, der durch die zelte schunkelt.




und jetzt liege ich hier und muss mich mit der wahrheit auseinandersetzen. dass der stärkere überlebt. die wichtigsten menschen sind für einen da. persönlich. ein paar telefonisch. und der rest: gar nicht. ich hieve mich in die küche, eine stufe versperrt mir den weg. irgendwie kriege ich den schreibtischstuhl mit rollen drauf. so dass ich mich vor die spüle und den kühlschrank setzen kann, falls ich mich mal wieder nicht entscheiden kann, was ich essen will.

hilfe? ja, meine eltern sind für mich da. mit 76 und 80 sind sie bekümmert um mich. und natürlich mein freund. soweit er kann. und eine liebe freundin.
der rest? fragt nicht, ob er was tun kann. ich wohn zu weit weg, wär ich wohl in schwabing oder irgendwo anders in der stadt, wären auch freunde da. so ist es aber nicht.

aber ich muss mich fragen, ob ich besser bin? vermutlich nicht, dann man kommt manchmal gar nicht auf die idee zu fragen, ob da jemand einen braucht. oder man bietet es an und der kranke verneint es, aus stolz. und ich gebe zu, auch ich habe eine viertel stunde im bad versucht, alleine in die wanne zu kommen. bevor mir irgendjemand hilft. aus purem stolz und seine momentane schwäche nicht zugeben zu wollen.

will man sich schwach, bleich um die nase, und wehrlos zeigen? das ist wohl die nächste frage. auch da muss ich zugeben, mir fällt es schwer. wenn das strahlen mal für einige zeit weg ist und auch ich eine fresse ziehe, dann ist das nur vertrauten personen vorbehalten. (ich überlege gerade wie ich nächste woche zum arzt komme. muss wohl einen anderen suchen als in der innenstadt. von der arbeit ganz zu schweigen.)

mein gott, denke ich, was habe ich für ein gottverdammtes glück zu wissen, dass mein zustand nur vorübergehend ist. auch wenn ich wohl eine zeitlang was davon haben werde.
es bringt mich zu vernunft und auf den boden zurück, nach dem letzten wundervollen jahr und den flügeln die mir gewachsen waren. ALLES NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH IM LEBEN. geduld. geduld.

ich entferne die schiene von meinem fuss und freue mich, dass er dünner geworden ist. das mit den krücken klappt auch inzwischen ganz gut.

also. läuft.



First Mover oder Rampensau: 
Liegts vielleicht am Nachnamen?



In den letzten Tagen kam bei mir die Frage auf, ob es dankbar ist, ein "First Mover" zu sein, nicht im rein wirtschaftlichen, sondern im persönlichen Sinne. Und natürlich, ob ich einer bin - klingt jetzt unglaublich selbstbewusst, entstand aber durch die Äußerung in meinem Umfeld, ich sei eine "Rampensau", nicht gerade ein sympathisch behafteter Begriff.

Vorweg gesagt, es ist nicht gut, in jeder Situation "First Mover" zu sein, denn es kann unglaubliche Risiken mit sich bringen. Wer nicht nachprüft, ob es sich lohnt, den ersten Schritt zu tun, kann auf die Schnauze fallen. Schwierig wird es auch,
wenn andere einen als "Rampensau" empfinden - wie es mir passiert ist.

Es geht nicht darum, sich in den Mittelpunkt zu stellen oder die Klappe rein aus Gründen der Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - sondern darum, dass man aus erzieherischen Gründen gar nicht anders kann.

Wie ich darauf kam, dass ich ein "First Mover" sein könnte, entstand bei einem Spielchen im Kurs "strategische Unternehmensführung".
Doch hieß es einfach:"Bitte stehen Sie jetzt auf."

Was wir nicht, aber der Dozent sehen konnte, war, dass die Leute nicht gleich schnell aufgestanden sind, sondern hintereinander. Manche ohne zu denken und andere erst nach Beobachten derjenigen, die sich zuerst vom Stuhl bewegt haben.
Da bin ich ins Grübeln gekommen und habe einen Tag lang ständig darauf geachtet, wann dieses Verhalten wieder geschieht.
Es fiel mir auf, ich war die erste, die aus der SBahn stürmte, die erste, die mal (wieder) die Klappe aufriss und die erste, die sich traute, mit einer Präsentation zu beginnen. Die erste, die vorschnell etwas gesagt hatte und es hinterher bereut hat.

Natürlich ist mir klar, dass das nicht immer sympathisch ist. Aber noch klarer wurde mir, dass ich nichts dagegen tun kann, versuche aber inzwischen, mich etwas zurückzuhalten.

Nun - ob sympathisch oder nicht, ich stelle die These auf, dass es zum einen an meinem Nachnamen liegt.
Schon als Kind in der Schule wurde mein Nachname mit "A" zuerst aufgerufen, ich war die erste, die was lesen musste, die erste, die eine Klausur abgeben musste, manches Mal saß ich direkt vorne vorm spuckenden Lehrer.
Ich war die erste, die beim Turnen ans Gerät musste und die erste, die ihr Zeugnis bekam. Übrigens kam ich beim 800 Meter Lauf immer als letzte ins Ziel - das hatte aber was mit dem erstschlechtesten Bewegungsapparat zu tun.

Im Nachhinein war das grauenvoll aber man gewöhnte sich an den Zustand, vor allen anderen ins kalte Wasser geschmissen zu werden und sich selten an jemandem zu orientieren. Irgendwann sagte man ganz automatisch bei Totenstille im Raum
"Ich machs!".

Das bedeutete aber auch, dass man immer als erstes gleich einen auf den Deckel bekam und freiwillig den Kopf für andere Leute hinhielt. Aber im Zuge dessen damit umgehen konnte, wenn man zu Verantwortung gezogen worden ist.

Ich will nicht alles auf den Nachnamen schieben. Ich bin froh, dass in meiner Familie sehr starke eigenwillige Charaktere vorhanden sind, an denen ich mich zusätzlich reiben musste - was natürlich dazu führt, auch einen roten Faden im Leben zu finden. Als impulsiver und neugieriger Mensch wird dieser Entdeckungstrieb und Handlung im Affekt natürlich noch unterstützt. Und das Umfeld gestaltet sich danach.
Ich fühle auch, dass ich sehr viele ähnliche geprägte Leute in meinem Freundeskreis habe, denn sonst könnte ein funktionierendes soziales Gebilde gar nicht existieren - so ist es bei uns laut, originell, schlagfertig ABER im Gleichgewicht.

Ebenfalls interessant ist, dass fast alle davon Kommunikationswissenschaften studiert haben und nun in den Bereichen PR, Marketing, Produktmanagement oder Werbung arbeiten.

Aber um auf meine These zurückzukommen.
Es geht darum, dass es Menschen geben muss, die als erstes etwas tun, damit sie andere inspirieren - auch wenn es in die Hose geht. Denn die Follower können von diesen Dingen nur profitieren und springen auch gerne mal mit auf den Zug auf.
Es geht ohne beide nicht und auch wenn "Rampensäue" nicht immer gerne gesehen sind, so helfen sie doch, manchen Streit zu beseitigen, weil sie sich nicht davor scheuen, das Problem als erstes anzusprechen.

Was ich bin - bleibt offen - ich bemüh mich Geduld zu lernen, entspannter zu werden - und vermutlich versucht man auch immer aus Angst einen Schritt voraus zu gehen, damit einem andere nichts wegnehmen - so wird aus einer Rampensau wohl oft ein kleiner Angsthase.

Und vielleicht habe ich als erstes meinen Schweinehund überwunden und darüber geschrieben.



warum urlaub WIRKLICH glücklich macht - 
und warum es mich vom schlafen abhält.


zuerst einmal: ich träume nicht, ich bin wach.

es ist freitag nacht, 1:40 und ich sitze mit tiefen augenringen vorm rechner und warte auf müdigkeit.
aber eigentlich bin ich ja müde und habe eh schon den ganzen tag am rechner gesessen. und trotzdem komme ich nicht zu ruhe. ich fühle mich unwohl, war vorhin schon wieder beim sport.
gerade danach sollte man sich doch eigentlich wohlfühlen.
und trotzdem tu ich es nicht, heute fühle ich mich einfach fett und hässlich.
ich glaube, dass das nur frauen verstehen, wenn ich sowas schreibe - wenn jemand von euch dieses gefühl kennen sollte und männlich ist, so möge der hier einen netten kommentar verfassen.
und während ich mich ins bad bewege, und mich so vorm spiegel kritisch beäuge, überlege ich mir, wann ich mich körperlich das letzte mal so richtig wohlgefühlt habe.

da fällt mir ein, dass es wohl mein letzter urlaub gewesen sein muss.
es ist grundsätzlich komischerweise immer der urlaub, indem ich vergesse, mich selbst zu kritisieren und anfange das leben zu genießen. danach kehre ich voller selbstbewusstein und freude nach hause zurück.

ich fange an, darüber nachzudenken, woran das liegt.

es liegt definitiv NICHT am urlaub selbst.
sondern daran, dass man in ein anderes umfeld gelangt, unter anderen kulturellen umständen, einem anderen "mikrokosmos" sozusagen.
und wenn ich noch mehr darüber nachdenke, habe ich das gefühl, dass das maß an toleranz und freundlichkeit, das man im urlaub erfährt und gibt, der grund dafür sein könnte, das ich mich so wohl fühlte

der wechsel in eine andere umgebung auf unbestimmte zeit heißt, das leben sich und auch anderen so angenehm wie möglich zu gestalten.
da steht man im urlaubsort am kiosk und regt sich auf einmal nicht mehr darüber auf, dass sich ein anderer gast vordrängelt.
oder man sieht andere touristen, wie sie das leben genießen und sich auch mal das ein oder andere extra gönnen, vom ausflug zum tauchen oder eine extra portion am buffet... also lernt man abzuschalten und zu genießen.

die leute laufen in leinenhosen, sandalen herum und der ein oder andere pickel kommt hier zum vorschein. alles wurscht. alle viere gerade sein lassen.

man lernt leute kennen, die man sonst wohl nicht treffen würde. mit denen quatscht man oder trifft sich abends auf einen cocktail. ich finde das spannend, aus der homogenen welt auszubrechen und andere ansichten, lebensweisheiten und lebensgeschichten zu hören.
aber man weiß eben auch, dass man sich vielleicht nie ansprechen würde, selbst wenn man täglich nebeneinander im bus auf dem weg zur arbeit sitzen würde.

da hock ich nun auf meinem liegestuhl mit abgeblättertem nagellack an den füßen, sonnenhut, stoppligen beinen und von salz verklebten haaren und bin glücklich und eins mit mir selbst als das griechische hotelpersonal ein kompliment zuruft.
auch wenn es der job dieser leute ist, anderen das gefühl zu vermitteln, dass sie sich gut fühlen dürfen, ist das nicht schlimm. höflichkeit erhellt den alltag.

Und gerade die unperfektheit, die man sich gegenseitig und folglich auch sich selbst zugesteht und einfach mal "nett" ist, macht den urlaub perfekt.

wollen wir nicht weiter darüber reden, warum sich das bewusstsein verändert, wenn wir wieder in unseren heterogenen durchorganisierten alltag zurückkehren und die kleinen nettigkeiten, die den alltag so erhellen würden, wieder einmal vergessen werden....

denn jetzt habe ich eine lösung für meine frage gefunden und kann zufrieden schlafen gehen.

übrigens - ich brauche ganz dringend urlaub - von mir selbst.





Ist der eine Opfer weil der andere Täter ist?

Ein Lied von einer Band, zu der ich zugegebenermaßen ein zwiespältiges Verhältnis habe. Und trotzdem bringt es mich zum nachdenken.



Einer von zweien
liebt immer etwas mehr
Einer von zweien
schaut immer hinterher
Einer von zweien
fühlt sich schwer wie Blei
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein Stein im Schuh
Einer von zweien
traut sich nicht so viel zu
Einer von zweien
versuchts gar nicht erst
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Einer von zweien
grübelt zu viel
Einer von zweien
hat kein gerades Ziel
Einer von zweien
trägt eine Last mit sich rum
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein ganz dünnes Fell
Einer von zweien
friert so schnell
Einer von zweien
hat schon nichts mehr im Glas
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

zunächst einmal die frage: kann der andere wirklich nichts dafür?

es gibt tage, an denen ich daran zweifle, dass es so ist.

kennt ihr das gefühl, wenn ihr immer versucht alles richtig zu machen?
und dann geht mal was daneben und ihr kriegt, entschuldigung, gleich "doppelt was auf die fresse".

in dem moment ist man so tief verunsichert, weil man sich diesen einen fehltritt erlaubt hat.

dann gibt es menschen, die ihr ding so gnadenlos durchziehen und dafür auch noch lob kassieren. wenn man sich über diese menschen beschwert heißt es:"der ist einfach so, den musst du einfach so nehmen wie er ist!"




muss ich das? wieso kriegen manche menschen einen freibrief für soziale inkompetenz und ihnen wird auch noch der kopf gestreichelt, wenn sie sich dazu herunterlassen, mal was nettes zu sagen. mal nett zu sein?
"dein lehrer hat heut gute laune, heute kannst du hingehen und mit ihm reden!"

ich persönlich finde das undiszipliniert.

aber offensichtlich kommt man damit durch in der gesellschaft.

sicher ist in dem oben genannten lied mit dem "anderen" nicht das sozial inkompetente arschloch gemeint, das nichts tun muss, um weiterzukommen.

sondern derjenige, der von natur aus seine seele im gleichgewicht hat.
der das richtige zur richtigen zeit tut und eine balance zwischen egoismus und geben hält.

denn manchmal sind wir wirklich daran selber schuld, dass wir mit füßen getreten werden.
selber schuld, wer sich vom kuchen nichts nimmt.
dankbarkeit muss man in maßen lernen. aber nicht zuviel. ein schwerer lernprozess, denn sonst wird daraus demut.

es gibt unterschiedliche möglichkeiten, ein selbstbewusster mensch zu werden.

da ist zum einen die erziehung: eltern, die dir das vertrauen und die richtigen werkzeuge an die hand geben, damit du kleine fehler, die dir in deinem lebensfluss unterlaufen sind, selber reparieren kannst.

wer es nie selber tut, dem steht auf einmal das wasser bis zum halse.

dann zu erkennen, was darf ich mir nehmen, ohne ein schlechtes gewissen zu haben. dabei ist aber eine portion dankbarkeit im hintergrund immer wichtig.

es gibt menschen, für die vieles in selbstverständlichkeit übergegangen ist.

die halten es für völlig normal, dass die opferbereitschaft des anderen über alle maße hinaus geht. und sagen sich, "naja selber schuld, kann sie/er doch was sagen, wenns ihn stört!"

das schlimme ist: daran ist was dran.

je älter wir werden, desto egoistischer sind wir. wir merken, dass niemand uns was schenkt. eine portion egoismus hilft beim überleben. aber auch nur, wenn die dankbarkeit im hinterkopf bleibt. und opferbereit bleiben, wenn es der bauch so wünscht. und ablehnen, wenn es das bauchgefühl so will.

um noch einmal auf das lied zurückzuschauen.
es gibt KEINEN einen und KEINEN anderen.

das ist eine sehr egoistische sichtweise..
denn wenn für denn einen die tür beruflich aufgeht, schließt sie sich für den anderen privat.

wir wissen das leben erst zu schätzen wenn wir erkennen, dass wir alle die anderen sind.


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