Kuba. Eindrücke aus einer anderen Welt

Donnerstag, 23. Januar 2014

"Radieschen, sei froh, dass du hier sitzt. In Indien wärst du schon auf dem Strich!"

Ich sitze gerade noch in der Mittagspause und rege mich innerlich auf.

Ja. Man soll die Dinge nicht schwarzweiß sehen. Und ja, die Medien berichten jetzt täglich von Massenvergewaltigungen in diesem Land, obwohl es die sicher schon immer gab.

Wichtig, dass es gesagt wird. Auch wenn es wie immer die Falschen trifft, wenn man dieses Land nicht besucht. Aber es ist so wichtig, dass es selbst beim Durchschnittsbürger im Ausland ankommt.

Auch ich würde keinen Fuß derzeit  -  und wenn ich es mir genauer überlege -  niemals, in dieses Land setzen.

Natürlich bin ich sicher mehr involviert in dieses Thema als andere Menschen. Wie die meisten von Euch wissen, bin ich adoptiert  -  aus diesem Land.

Ich habe ein riesiges Glück, das mein Leben so ist, wie es ist. Als ungewolltes Mädchen in eine liebevolle gut bürgerliche Familie aufgenommen zu werden. Eine Familie, die einen liebt, als sei man das eigene Kind.

Ich habe eine tolle Erziehung genossen mit allen Möglichkeiten, die gutbürgerliche Kinder hier haben. Von musikalischer Früherziehung, altsprachliches Gymi, irgendwelche Jugendfreizeiten. Auch materiell musste ich auf nichts verzichten.

Mir war und ist das jeden Tag bewusst. Auch wenn meine Französischlehrerin in der 9ten Klasse mir mal den Spruch reingedrückt hat:"Radieschen, sei froh, dass du hier sitzt. In Indien wärst du schon auf dem Strich!"
Das war ein Spruch, der sogar meinen sehr zurückhaltenden Vater dazu bewogen hat, bei ihr persönlich auf der Matte zu stehen.

Soviel zu mir.

Aber nicht alle Mädchen haben die Möglichkeit, woanders aufzuwachsen. In Indien sind Frauen einen Scheißdreck wert. Sie sind nicht gewollt, weil sie ihre Familien in den Ruin treiben. Die Mitgift, die jede indische Frau mit in die Ehe bringt, ist so hoch, dass es die eigene Familie zerstört. Die Familie des Mannes bereichert sich an dem Geld. Viele Ehefrauen werden nach der Eheschließung umgebracht. 

Was dadurch geschieht? Ein mittlerweile riesiger Männerüberschuss in diesem Milliardenland. 
Im Nordwesten Indiens werden Schätzungen zufolge schon 2020 15 bis 20 Prozent der Männer keine Frauen mehr finden.

Der Mix aus diesem ungesunden Männerüberschuss, der kulturellen Einstellung gegenüber der Frau an sich und die tiefe Verankerung dieses Glaubens in der Gesellschaft begünstigen diese Massenvergewaltigungen. Schlimmer noch. Für die Inder ist es wohl eine Rechtfertigung, dass ein Dorfrat zur Strafe eine Massenvergewaltigung beschließen darf. Weil die junge Frau, die eine Liebschaft hatte, die völlig zu unrecht erteilte Strafe nicht monetär bezahlen konnte.

Was muss passieren, dass diese Dinge aufhören? Ein Gesetz schafft nicht zu verhindern, was tief in der Kultur verwurzelt ist. Respekt und Achtung vor dem anderen Geschlecht kann man nicht von einem auf den anderen Tag lernen. Die Grundvoraussetzung ist: Man(n) will es.  

Für mich habe ich beschlossen, eine glaubwürdige Initiative zu finden, die Mädchen in diesem Land fördert und stark macht.
Mein "Ersparnis" aus dem Kirchenaustritt kann ich so tatsächlich für einen Zweck verwenden, an den ich glaube.

So mache ich mich jetzt mal auf die Suche...
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